01.05.2020 Hilfe, mein Kind lernt Schach!
 

Autorin:
Anika Kroll
Mutter von Titus Kroll, Jahrgang 2013, seit 01.01.2020 Mitglied bei den Barnimer Schachfreunden

Allererste Anfänge

Euer Kind will Schach spielen? Super! Tolle Sache. Kramt ein Brett raus und legt los. Figuren erklären und wer sich wie fortbewegen kann. Und dann einfach los, durchziehen bis zum Ende, Matt, König erledigt, gewonnen. Das will jeder hinbekommen und jeder tunlichst vermeiden. Denn ohne König keine dicke Siegesparty. Und "Der König ist tot, lang lebe der König" gibt's hier nicht.

Spielt einfach drauflos. Ist ein spannendes Spiel und tolle Zeit zu zweit. Zuschauer, die (auch) keine Ahnung haben, sind immer störend und Zuschauer, die mehr Ahnung haben, klugscheissern nur herum, stören noch mehr. Also Zeit zu zweit. Genießt die Zeit mit eurem Kind!
Egal, wie viele Schachregeln ihr brechen solltet - spielt!

Aber eins muss ab jetzt trotzdem gelten: nicht gewinnen lassen! Schach ist spannend - aber auch echt fies hundsgemein. Und sich dadurch zu boxen, mindestens 3643474467x zu verlieren, bevor man überhaupt auch nur den Hauch einer Chance zum Gewinn hat, gehört einfach zum Lernen dazu. Nicht nur beim Schach. Nur woanders tut es vielleicht nicht ganz so weh. Stellt vielleicht auch anfangs die Lieblingsvase vom Tisch, nur so rein vorsichtshalber.

Wenn das Kind weiter Lust zum Spielen hat, werdet ihr merken, dass die Wutausbrüche weniger werden, weniger Partien abgebrochen werden müssen, weil Euer kleiner Gegner tobend aus dem Zimmer rennt oder ihr ständig irgendeinen armen Bauern unter dem Sofa hervorpuhlen müsst. Und ihr müsst auf einmal richtig nachdenken, verliert unter lautem Jubelgeschrei das erste Mal Eure Dame und irgendwann verliert ihr die erste Partie.
Tipp: Nicht vom Siegestaumel provozieren lassen und das Brett leerfegen, IHR müsst unterm Sofa die Bauern einsammeln.

Lasst das Kind gegen jeden spielen, den es an das Brett bekommt, auch wenn ihr euch dann weniger mit EUREM eigenen Besuch unterhalten könnt. Bei uns nahm das derart überhand, dass wir jedem Besucher vorher instruieren mussten, ungehört auf die erste Frage unseres Schachkindes mit "Nein, vielleicht später." zu antworten. Denn statt "Hallo." kam immer gleich "Spielst du mit mir Schach?".

Euer Kind mag immer noch ganz viel Schach spielen? Jetzt, spätestens jetzt solltet ihr euch einen Verein, eine Schul-AG o.ä. suchen.
Und kaum war das Kind ein paarmal dort - und es mag jetzt erst recht ununterbrochen mit Euch spielen, fängt es für euch das erste Mal so richtig an:
Euch wird jeder blöde Schach-Fehler breit grinsend unter die Nase gerieben. Zuerst wird das Brett endlich richtig herum aufgebaut, Rochade und en Passant nehmen Einzug und das Schäfermatt eine lange Zeit gefürchtete Waffe. Und das alles ab jetzt mit Handschlag. Das Vokabular ändert sich, Spieße, Gabeln, Treppenmatt, Fesselungen werden erwähnt. Und sowas wie "Springer am Rand bringt Kummer und Schand!" mit einer neuen, siegessicheren Selbstsicherheit fast schon altklug von sich gegeben.

Und wenn ihr zu den Eltern gehört, die vorher auch nicht wussten, wer auf Feld A1 in der Startaufstellung steht, ihr Rochade mit beiden Händen gemacht habt - ab jetzt heißt es Mitlernen und Üben - oder zum ewigen Verlierer verdammt sein. An mitleidiges Kopfschütteln über Eure Züge und sowas wie "Jetzt hat du so lange nachgedacht, aber was Gescheites ist dabei nicht herausgekommen." müsst ihr euch gewöhnen. Freut euch jetzt über jedes Spiel, was sie noch gerne - und nicht mit "Ok, wenn Du unbedingt verlieren möchtest, eigentlich habe ich besseres vor“ -Einstellung" mit Euch teilen.

Und kommt jetzt irgendwann der Trainer grinsend auf Euch zu und erzählt was von einem kleinen Turnier, hier ganz wichtige Ratschläge:
- fangt an, Silbergeld und 50Cent-Stücke zu sammeln.
Turniere für die Kleinen kosten immer ein paar Euro (gerne passend) und es gibt immer eine Kaffee-Kuchen-Ecke für kleines Geld (gerne passend).
- kümmert Euch ganz schnell um Aufnahme in WhatsApp-Gruppen und organisiert alle Telefonnummern der Eltern, von den Kindern, dessen Name Euer Kind erwähnt hat. Braucht Ihr unbedingt - ich sag nur Fahrgemeinschaften und Onlineturniere.

Neben dem Münzgeld müsst Ihr ab jetzt aber auch ganz viel Geduld für die weitere Zeit sammeln – und Vertrauen in die Trainer. Denn sie wissen, was sie tun - und das mit ganz viel Erfahrung, Leidenschaft und Hingabe zum Schach.

Sollten sich Turniererfolge einstellen – super! Freut Euch mit dem Kind – mehr nicht! Ihr werdet ständig zu hören bekommen, dass das erst der allererste Anfang vom Schach ist. Auch wenn Ihr das nicht versteht, denn Euer Schachkind hat ja dann schon was gewonnen und so viel gelernt. Nö, nö, habt Geduld. Die Trainer kennen den langen Weg, der noch zu gehen ist, Ihr nicht. Und je nach Talent und Temperament des Kindes wird jeder Schachweg anders sein. Und das könnt Ihr als ehemals „Brett-Falsch-Herum-Aufbauer“ mal so gar nicht einschätzen. Eurem Kind werden schon zur richtigen Zeit die richtigen Aufgaben und Hinweise gegeben werden. Ihr dürft dann wieder Mitlernen und Unterstützen. Ihr werdet verstehen lernen müssen, dass ein Kind bei 7 nacheinander verlorenen Partien schachlich besser gewesen sein kann als bei einer Siegesserie von 12 klar gewonnenen Partien. Also vertraut den Trainern und nervt sie nicht – schon gar nicht mit taktischen und spielerischen Ideen für Euer Kind. Fragt nach, wenn Ihr etwas nicht versteht und bedankt Euch ab und zu. Denn nicht nur Euch wird es ab jetzt viel Zeit kosten.

Das erste Turnier

Turniere sind nicht nach einer Partie vorbei, können also eine langwierige Sache sein. Und Zuschauen geht nicht. Anfangs wird es meistens ungefähr einen halben Tag dauern. Und Ihr werdet nicht freiwillig jedes Mal mitfahren wollen. Also Fahrgemeinschaften organisieren. Kaffee und Kuchen sind dort zwar immer recht lecker - aber ihr seid dazu verdammt, zwischen Pausenraum, Cafeteria, Klo und Spielraum hin- und herzurennen. Alternative wäre, die ganze Zeit auf einem zugigen Flur zu hocken und inmitten anderer Eltern zu warten, dass die Tür vom Spielraum sich öffnet und Euer Kind (hoffentlich grinsend - Pokerface ist kein gutes Zeichen und mutiert oft blitzschnell zu einem verzweifelten Tränenausbruch) herauskommt. Aber dann wieder die Frage, was man in der Zeit bis zum nächsten Spiel macht: Kaffee, Kuchen, Bockwurst, Klo?
Und das Ganze wiederholt sich ganz oft...
Bis zur Siegerehrung.
Und die kann sich auch ziehen...

Aber zurück zum Flur:
Ihr denkt, Ihr kennt Euch mit Listen aus?
Hah, Achtung nächste Falle: Im Laufe des Turniers wird der ganze Flur mit Listen tapeziert sein.
Was Ihr anfangs braucht: auf einer Liste stehen die Ansetzungen der nächsten Spielrunde. Weiß steht immer links, Schwarz rechts. Daneben die Brettnummer. Sucht nur den Namen Eures Kindes, überlegt genau "Links Weiß, Schwarz rechts und Nummer." Dann sagt ihr zum Kind "Weiß 18" und es verschwindet zur Partie.
Für mehr ist keine Zeit, denn wenn Ihr schnell an der Liste wart, werdet Ihr von den folgenden Eltern überrannt oder Ihr habt den Ansturm abgewartet und es ist jetzt wirklich höchste Zeit. Daher auch wichtig: nie mit ganz vollem Kaffeebecher an die Liste stellen.

Durchatmen und wieder die Frage, Flur, Cafeteria, Pausenraum oder Klo. Flur, ok, diesmal im Flur warten. Zu den anderen Eltern sag ich hier jetzt gar nicht viel, außer, dass es viele sind. Und außer ein nett gemeintes "Ich habe es mir viel nerdiger vorgestellt." Vielen geht es wie Euch beim ersten Mal und sonst sind alle erdenklichen Elternsorten vertreten, die Entspannten, die Wichtigtuer, die Besserwisser, die Überehrgeizigen, die Unbedingt-mit-dem-Trainer-Fachsimpler, die Ihr-Kind-Tröster, die Ihr-Kind-Anmeckerer, etc. Wie halt sonst überall auch beim Sport.

Aber zurück zu den Listen - nach jeder Spielrunde gibt es neue Listen: die Ergebnisse der letzten Runde (kapiert jeder) und eine Turnierrangliste manchmal auch Kreuztabellen (kapiert jeder mit evtl. ein bissel Nachdenken).
Zu der Rangliste sag ich hier nur: jetzt müsst Ihr wieder lernen. Und denken. Und lernen. Und denken. Und ja nicht falschrum mitdenken.
Mehrere Spalten: Spielernamen - ist klar.
Punkte für Sieg - ist klar.
Und jetzt kommt die Feinwertung. Im schlimmsten Fall mehrere Spalten, also die mit den komischen Kürzeln. Da hilft jetzt einfach nur ignorieren und abwarten, was die Profis für einen Endstand ausrechnen. Der wird Euch eh am Ende überraschen, Stichwort Feinwertung.
Oder für die Ehrgeizigen unter Euch: ganz viel selber googeln dann wieder mitdenken, also richtig herum mitdenken, googeln, glauben, dass man es verstanden hat, versuchen es nachzuvollziehen, merken, dass man falsch herum gedacht hat, nochmal googeln, weiter richtig denken.
Tschakka, kapiert.
Uuups, haut was beim nochmal Nachdenken nicht hin, merken, dass man die falsche Feinwertung gegoogelt hat.
Oh je, alles von vorne.

Und das auf einem übervollen Flur mit kaltem Kaffee. Und dann kommt das eigene Kind mit Pokerface durch die Tür....Kind in den Arm nehmen, zuhause von vorne Feinwertungen googeln und jetzt einfach das Turnier zu Ende abwarten.
Wo Cafeteria, Pausenraum und Klo zu finden sind ist ja jetzt schon Heimspiel - dummerweise sind nur die versprochenen Waffeln ausverkauft. Aber mit Blick auf die Uhr keine Zeit für Diskussionen, Eis für später versprechen, herausfinden, dass jetzt "Schwarz 2" dran ist, ist auch schon ein Klacks.
Wo welche Listenart aufgehängt wird auch.
Ein zaghafter Blick auf die ominöse Rangliste macht nur deutlich: "Hausaufgaben: Feinwertung googeln."
Das bekommt man auch noch mal so unterschwellig mit, wenn die Trainer mit einer schier unvorstellbaren Ruhe in dem ganzen Getümmel mit einem reden. Weil irgendwie geht's ja nicht nur um Erfahrung sammeln, so ein bissel eine bessere Platzierung als absehbar wünscht sich ja jeder. Also fällt in dem Gespräch bestimmt auch mal was im Nebensatz von Buchholz. Nicht nachfragen, DAS sind die Hausaufgaben mit der Feinwertung.

Falls ihr Euch mal für den Pausenraum entschieden habt : Jacken, Rucksäcke o. ä. könnt Ihr einfach von irgendeinem Stuhl nehmen und auf den großen Jackenstapel in der Raumecke legen. Garderobe gibt's nicht, also wird jeder freie Stuhl als Garderobe benutzt. Wenn Ihr sitzt, lasst Euch nicht von den Gesprächen der Eltern verunsichern. Hier sitzen die, die hochmotiviert und ganz lieb jedes Mal mitfahren und nicht zu den Überehrgeizigen und Kind-Anmeckerern gehören. Aber Gefachsimpelt wird trotzdem. Viele Sätze fangen auch an mit "Ja, in xyz war das besser organisiert." Oder "Hoffentlich kommen die hier nicht auch mit der Wertung durcheinander." Oder "In unserer Gruppe spielt auch wieder der Max mit. Der gewinnt alles, er hat schon als KiGakind mitgespielt." Nicht mitreden, dann werden nur noch weitere xyzs und Maxe aufgeführt. Buch nehmen, lesen, heimlich zuhören. Oder Feinwertung googeln. Selbstverständlich heimlich.

Und unbedingt beschäftigt aussehen - in dem Raum haben auch die Trainer ihr Lager aufgeschlagen. Und die führen gerne eigene Listen. Falls Ihr zu gelangweilt aussieht, werdet Ihr zum Listen schreiben verdonnert. Dann kommen nach den Partien alle Kinder zu Euch gerannt und sagen "Ich habe gewonnen, ich habe verloren, der Moritz hat gewonnen." Müsst ihr dann aufschreiben. Ist aber schwierig, weil ihr nur bei der Hälfte der "Ichs" wisst, wie das Kind heißst und ihr nicht sicher seid, ob Moritz S. oder Moritz K. gemeint ist.

Und dann kommt irgendwann die Siegerehrung:
bei einem größeren Turnier wird in mehreren Gruppen gespielt, nach Alter und Spielstärken aufgeteilt. Aber das habt ihr ja schon mitbekommen, als Ihr Euren Spielraum suchen musstet.
Jetzt bekommen immer die ersten drei aus jeder Gruppe einen Pokal - einzeln nach vorne kommen und jeden einzeln beklatschen. Dann bekommt manchmal das jüngste Kind einen Spezialpokal. Artig klatschen. Und das beste Mädchen. Ja, das ist so beim Schach. Soll eine lieb gemeinte Motivation für die Mädels sein. Aber oft sind sie selber davon genervt: nicht so gut gespielt wie gedacht, irgendwo im Mittelfeld gelandet, schrecklich enttäuscht - und dann gibt's einen Pokal für das beste Mädchen sein. Aber auch wieder artig klatschen.
Dann bekommen die restlichen Platzierten eine Urkunde oder Teilnehmermedaille. Alle auf einmal nach vorne. Klatschen braucht man nicht, ist ein Riesendurcheinander. Und das Ganze für jede Gruppe.

Und dann geht's nach Hause.
Falls Ihr clever wart, habt ihr vorher eine Fahrgemeinschaft organisiert. Das heißt zwar jetzt, schnell noch irgendwo Eis kaufen für alle kleinen Schachspieler (Waffeln waren ja alle, Eis für später versprochen, muss jetzt eingelöst werden) - aber dafür könnt ihr die nächsten Turniere ganz entspannt zu Hause bleiben, Euer Kind mitnehmen lassen und ganz fleißig Feinwertung und DWZ googeln. Ui, DWZ. Stimmt, vergessen, nächste Hausaufgabe...
Die Situation ist jetzt so: alle Kinder haben hoffentlich alle Rucksäcke, Urkunden, Medaillen, Pokale, Mützen, Trinkflaschen, etc. dabei und sitzen im Auto. Hoffentlich auch das Eis aufgegessen und nicht in den Pokal des Vereinskollegen gesteckt.
Dann fangen die Kinder an, das Turnier und das Abschneiden zu analysieren. Und jetzt daran denken, dass ihr 1. - 3. Klässler im Auto sitzen habt.
"Mist, ich hätte fast auch einen Pokal, aber gegen Max verloren Aber der hat schon DWZ über 1000. Ich habe ja auch schon DWZ."
Zuhause will Euer Kind dann auch DWZ. Also googeln. Und jetzt auf gar keinen Fall irgendwas verstehen wollen, nur googlen, WAS das ist. Maximal herausfinden, wann und wie man ungefähr eine DWZ bekommt.
Zurück zum Auto: Partien werden analysiert, dabei unverständliche Buchstaben - Zahlenkombinationen von sich gegeben. Evtl. sind sie sogar weiter hochmotiviert und spielen blind eine Partie im Auto. 1. - 3. Klässler... Einem wird dann langweilig oder schlecht und das Gerangel fängt an. Ablenken mit irgendeinem blöden Spiel. Sowas wie Tiere zählen lassen, an denen man vorbeifährt. Klappt natürlich nur bedingt. Ist Babykram und es wird sich ständig verzählt - aber Partien auswendig hersagen und im Kopf spielen können.

Irgendwann seid ihr am Treffpunkt, die Kinder werden den Eltern übergeben (jetzt habt ihr auch ein paar Gesichter zu den Namen in eurer langen Whatsappliste) und Ihr werdet so gerade noch ein "Oh ja, war toll, alles super geklappt - gerne wieder mal." von Euch geben können. Aber jetzt nicht vergessen, ganz vorsichtig zu erwähnen, dass Ihr an den nächsten Terminen leider nicht fahren könnt und ob Euer Kind evtl. mitgenommen werden könnte.
Und Eure Hausaufgaben auf die nächsten Tage verschieben. Und jetzt Füße hoch.
Allerdings wird mit Füße hoch nichts, falls Euer Kind einen Pokal gewonnen hat. Jetzt muss sofort das Kinderzimmer umgeräumt werden, denn ein Trophäenregal muss aufgehängt werden. Und das Kind will jedem aus der Verwandtschaft eine WhatsApp mit Foto schicken.
Aber dann - Füße hoch, Feierabend!

Nächste Schritte

So, die erste große Aufregung nach dem ersten Turnier ist verflogen. Kleine Turniere sind mittlerweile Alltag - Fahrgemeinschaften funktionieren, man kann die anderen Eltern anschreiben ohne mit "Hallo, ich bin die Mama von..." zu beginnen, das Trophäenregal füllt sich und es wird fleißig weiter trainiert. Mittlerweile ist auch das alte Brett aus der Spielesammlung ersetzt werden durch ein Turnierbrett (Geschenk von OmaOpa1) und eine Schachuhr (Geschenk von OmaOpa2). Was nicht weiter schlimm ist, denn irgendwo unterm Schrank müsste eh noch ein verlorener Bauer vor sich hin schimmeln.
Vereinskleidung muss regelmäßig gewaschen werden und darf die letzten 3 Tage vorm Turnier nicht angezogen werden. Tomatensaucenflecken beim Turnier machen sich nicht so gut, reicht schon, dass das mit dem Händewaschen vor den Spielen nicht klappt, wenn in den Spielpausen im Matsch gebolzt wurde.
Das Kind kennt sich jetzt endgültig besser mit DWZ aus - nein, hat immer noch keine, und ihr seid angehender Experte in Feinwertungen, Turnierordnungen auf Bezirks- und Landesebene, Turniersystemen etc.

Durch das viele Googeln - mittlerweile nicht mehr, um schachlich Mithalten zu können, sondern um das Drumherum nachvollziehen und organisieren zu können, bekommt Ihr regelmäßig Schachartikel zum Lesen vorgeschlagen, ob ihr wollt oder nicht. Und statt automatischer Werbeanzeigen für Bekleidung, Schulbedarf, Druckerzubehör etc. sollt ihr jetzt Schachcomputer, exklusive Figurensets und diverse Schachkünstlerkalender kaufen. Sogar Youtube macht bei dem Spielchen mit und die Schnute von Magnus Carlsen beim Figurenjagen könnt Ihr nicht mehr sehen.

Ihr habt Euch auch damit abgefunden, dass alles, wirklich alles in Listen verpackt wird – Schachspieler scheinen ein besonderes Faible für Listen zu haben. Manche Schachwebseiten scheinen nur aus Listen und Links, die wieder zu Listen führen, zu bestehen. Und statt einer Ansage wie: Turnier am Soundsovielten in der Grundschule xyz, Anmeldung bis 09.00h, Einweisung für alle in der Cafeteria um 09.15h, Spielbeginn für alle um 09.45h, U8 in Raum 214, U10 ohne DWZ in Raum 118, U10 mit DWZ Raum 220 bekommt Ihr eine 14-spaltige Excel-Liste. Und Ihr müsst trotzdem noch Nachfragen, wie hoch das Startgeld ist (gerne passend).

Und nach und nach trudeln Hausaufgaben aus dem Verein ein. Zuerst möglichst viele Partien spielen – Dauerverlieren als Übungsgegner macht aber schlechte Laune und bringt das Kind auch nicht weiter, es lacht nur noch verschmitzt-schadenfroh. Ok, mittlerweile überwiegt sogar das Mitleid.
Lösung: Online-Schach.

Und dann kommen vielleicht große Turniere: habe ich schon erwähnt, dass Ihr nicht nur Silbergeld für kleine Turniere sammeln sollt? Am besten auch alle 5 und 10 Euro Scheine.

Denn große Turniere finden irgendwo statt, dauern ein paar Tage und kosten so viel wie eine Klassenfahrt. Nur die Fahrerei muss zusätzlich organisiert werden.
Sie sind für die Kinder bestimmt auch so spannend wie eine Klassenfahrt, nur halt mit viel Schach. Für die Trainer ist es bestimmt auch wie Klassenfahrt - nur eben als Lehrer und mit viel Schach. Und dummerweise können die Eltern die Spielergebnisse mittlerweile ja auch über das Internet verfolgen, sich manchmal sogar live Partien anschauen.
Dann haben die Trainer nicht nur vor Ort das "normale" Klassenfahrtchaos zu regeln (die streiten schon wieder, dessen Schuhe sind immer weg, der mag nichts essen, der kann nicht schlafen, das Zimmer ist immer zu laut, die wollen nur Fußball spielen usw.), das sportliche zu regeln, zu trainieren, zu trösten, zu motivieren -  sondern haben sich auch noch mit den Eltern herumzuplagen. Endlose WhatsAppChats über Partien, Gegner, Spielstärken etc sind zusätzlich an der Tagesordnung.
Zurückkommen vom großen Turnier ist auch wie Klassenfahrt: übermüdet, glücklich, falsche Klamotten im Koffer, offensichtlich nicht jeden Tag die Socken gewechselt, immerhin wurden offensichtlich die Zähne geputzt (oder sonst was mit der vorher vollen Zahnpastatube angestellt).
Nur eben mit zerknüllter Urkunde im Koffer und hoffentlich einem Pokal. Der muss natürlich gut sichtbar getragen werden und darf nicht eingepackt sein, so dass das Kind nur noch den Koffer ziehen kann. Den Beutel mit der Dreckswäsche muss wer anders tragen - beide Hände voll.

Dann kommen die Taktikaufgaben: zuerst immer nur ein Zug, spiele den besten Zug, Matt in 1 etc. Ich sag Euch: genießt jetzt die allerletzte kurze Zeit schachlicher Triumphe über das Kind. Jetzt habt ihr noch ein paar Wochen die Chance, Aufgaben schneller zu lösen.
Denn bald werden die Aufgaben mehrzügig. Und während ihr dann noch den gegnerischen König im Gewusel sucht und kapiert habt, mit welcher Farbe ihr setzen sollt, hat Euer Schachkind analysiert, welcher Spieler mehr Leichtfiguren hat, was das Ziel der Aufgabe ist und wie man das mal eben so zackdibumms in 4 Zügen löst.

Jetzt seid Ihr aber sowas von raus!

Notation kann das Kind natürlich jetzt auch mit spielerischer Leichtigkeit. Notation nennt man die vor kurzem noch so befremdlich Buchstaben - Zahlenkombination. Beschreiben aber nur, welche Figur von welchem Feld zu welchem Feld hüpft, dort evtl. was schlägt oder Schach setzt oder sogar Matt. Nach ein paarmal üben auch kein Hexenwerk mehr. Das geht sogar ohne googeln.
Kann man vor Nicht-Schach-Eltern wunderbar mit rumstrunzen, wenn man Ihnen Partien in Notation zeigt, in die das Kind Verbesserungen eingetragen hatte. Weil es beim Spielen der Partie mal arg geschludert hatte, gab's dann halt solche Hausaufgaben.

Apropos Aufgaben: die Spiel- und Trainingstipps der Trainer mutieren zu einer Mischung aus Geographie (irgendwie hat jede Spieleröffnung einen Namen, oft geografisch wie italienisch, spanisch, russisch, skandinavisch etc.) und ständigen (streng aber liebevollen) Ermahnungen nach Drohungen, Entwicklungen, Zentrumsbeherrschung, Königssicherheit, Aufrollpunkten und langsam Spielen usw.
Blöd nur, wenn sie dem noch extrem stark stimmungsabhängigen Temperament des Spielers scheinbar ständig widersprechen.
Dann leiert ihr auch in Dauerschleife "Erst komplett entwickeln, aufpassen was droht, verschenk deine Figuren nicht für einen riskanten Plan etc...Und LANGSAM"

Dafür lernt ihr aber auch extrem lustige, unterhaltsame und krass spannende Schachvarianten wie 960, Einsetzschach, 3Minuten Blitz usw.
Und Onlineschach kann die ganze Familie in Spannung versetzen.

Fazit von unserem Weg bis hierher: wenn ihr es bis hierhin geschafft habt, steckt ihr mittendrin, versteht zwar nicht mehr alles sofort - aber habt verstanden, das Schach eine krass doll spannende Sache ist.

PS1: Und nein, auch jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt, dem Trainer endlich mal zu sagen, dass Herr Carlsen doch eine ganz andere Lieblingseröffnung hat, als die, die Euer Kind spielen soll. Nein! Vertraut den Trainern – sie wissen, was sie tun.

PS2: Ich befürchte, nach den Listen kommt jetzt Statistik auf uns zu – ich geh schon mal das alte Mathebuch hervorkramen.

Und PS3: Spätestens jetzt versteht Ihr auch auf einmal, dass das wirklich erst der Anfang vom "richtigen" Schachspielen ist. Wie lang der Weg noch ist, keine Ahnung, aber wird bestimmt "mega"!

Anmerkung: Hinweise zu lebenden Personen und Situationen ließen sich offensichtlich nicht vermeiden, sind daher gewollt. Nur die Namen von Max und den Moritzen sind nicht echt.